Plötzlich, es war Spätsommer 2017, waren wir beide am gleichen Punkt. Nicht, dass wir die ganzen Jahre davor nicht ähnliche Vorstellungen vom Leben hatten. Ganz im Gegenteil. Beide in bodenständigen, mittelständischen Familien aufgewachsen, war uns von klein auf ein gesundes Selbstbewusstsein mitgegeben worden. Wir können alles erreichen, wenn wir nur an uns glauben, wurde uns suggeriert. Zu recht. Zum Glück auch. Viel drückender ist die Nebenbedingung: Wenn wir fleißig sind.
Eine gute Schulausbildung wurde uns ermöglicht. Für gute Noten mussten wir zwar unseren inneren Schweinehund ganz schön doll überwinden, doch ja, so schwierig war es nicht. Mit einem soliden Abi in der Tasche war ein Studium eine naheliegende Option. Wir haben nicht wahnsinnig gelitten aber vor den Prüfungen lässt sich die bodenlose Verzweiflung kaum vermeiden. Der klassische, heilsbringende Lebensweg nahm seinen Lauf. Kleine Erfolge entlang der Strecke machten den Aufstieg erträglich.
Wir haben uns im Studium kennen gelernt. Wirtschaftsingenieurswesen mit Schwerpunkt Produktionstechnik. Ganz ehrlich? Mir hat es wirklich Spaß gemacht. Zumindest habe ich nicht vor Irgendwie kämpften wir uns aber durch. Die Zeiten zwischen dem sinnlosen „in sich hineinpauken“ waren dafür umso schöner. Voller intensiver Diskussionen zu aktuellem Politgeschehen aber auch über unsere Träume. Die Welt lag uns noch zu Füßen, viel zu wenig hatten wir bis dahin von Ihr gesehen. Ich bin eine Meisterin im Auswendiglernen, ohne das jemals mit irgendwelchen Techniken professionalisiert zu haben. Einfach hinsetzen, die Sätze, Gesetze oder Formeln einprägen, zum Stichtag X wiedergeben. Diese Fähigkeit bescherte mir einen Abschluss der sich sehen lassen konnte: Dipl. Ing. oec. mit einem 1.6er Schnitt – eine Hausnummer. Und danach? Um ehrlich zu sein habe ich fast alles wieder vergessen. Tiefstapeln möchte ich aber auch nicht. Ich bin schlau. Gelernt habe ich zwischen den Theorieblöcken unheimlich vieles. Sich nicht verunsichern lassen, wenn nicht alles klar ist. Mich gut zu verkaufen, wenn es drauf ankommt. Andere von mir und der Sache zu überzeugen, wenn mir daran was liegt. Das kann ich gut.
Mit meinem Mann verbindet mich eine fast schon kindliche Freude am Leben. Wir lieben alles, was irgendwie aus der Rolle fällt. Mit sozialen Konventionen tun wir es schwer. Was wir vom Leben erwarten? Wir wissen es nicht. Auch heute nicht. Aber anders soll es sein. Frischer, fröhlicher, nicht so perfekt. Ich wollte nie im Prinzessinnen-Kleid heiraten, keinen Ernährer finden, der mir ein tolles Leben ermöglicht. Ich wollte einfach nur sein. Und diese Freude am Sein teilen.
Die guten Jobangebote haben wir natürlich beide angenommen. Es hat echt ne Weile gedauert, uns von den gesellschaftlichen Trampel-Pfaden zu entfernen. Zu tief saß das Mantra: Gute Noten, guter Abschluss, guter Job.
CHECK
Alles so passiert. Großartiger Arbeitgeber, erfüllender Job. Und trotzdem war ich jetzt 35 Jahre alt und habe mir das erste Mal ernsthaft überlegt, ob ich mein Leben genauso leben möchte.
Das Jahr, indem wir beide merkten, dass es eine Alternative zu 9to5 und zum Status Quo gibt war das regenreichste des ganzen Jahrzehnts. Im Januar hatten wir im Beisein einer herzlichen Pastorin und einer anonymen Trauzeugin in Las Vegas geheiratet. Unsere Sommerparty fiel im wahrsten Sinne des Wortes ins Wasser. Trotzdem war es perfekt. Einfach anders.
Dieser Dauerregen jedoch toppte, die langjährige Regenerfahrung in Hamburg Lebender. Das konnte nicht die Basis sein für die nächsten 30 Jahre. Wir waren typische Hamster geworden im Hamsterrad der Top Talente, für die wir bei unseren Großkonzernen gehandelt wurden. Auch da wieder nur die alte Leier. Höher, schneller, besser – aus dir wird mal richtig was. Ja wann denn? Und wer wagt den darüber zu urteilen? Zu viel Mittelmäßigkeit als vermeintliche Vorbilder lassen dieses Karrierebild irgendwie verzerrt erscheinen. Irgendwie musste ich mich ganz schön verstellen, um da rein zu passen. Trotzdem bin ich lange auf der Welle mit geritten. Bis dahin hatte ich mir wenig Gedanken, über eine mögliche Alternative gemacht.
Als ich dann durch ein internes Assessment fiel, brach mein feinsäuberlich aufgebautes Kartenhaus in sich zusammen. Wo blieb da die vermeintliche Wertschätzung, für die wir bereit sind, unsere Seelen zu verkaufen? Im Nachhinein hat jeder Tiefschlag was Gutes! Doch ja wirklich! J
Ich wachte auf. Begann anders ehrlich zu mir selbst zu sein. Nicht die Ehrlichkeit, die einem zu einem perfekten Netzwerker und Gesellschafter werden lässt. Die Ehrlichkeit, bei der man erst alle Türen schließen muss, bis sich wieder eine öffnet.
